Die
fortdauernde Unruhe machte mich beschwingt, und ich zählte unentwegt
bramarbasierend vor mich hin und her immer wieder von eins bis sechzig.
Ich
spürte aber auch deutlich die Hemmung, die mich in wechselnden,
exakt
gleichmäßigen Abständen antrieb und blockierte.
Derart geräuschvoll wollte ich mich eigentlich nicht unter Menschen
begeben.
Aber ich konnte gar nicht anders. Es tickte und taktete. Mit jedem Schritt
machte ich das Geräusch der Pflicht und zählte aufschneidend
immer wieder
von eins bis sechzig. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, woher plötzlich
diese gebändigte Energie kam.
Später ließ ich mir von einem Fachmann den Sachverhalt erklären.
In der
Fachsprache wird das verantwortliche Bauteil, welches die Energie regelt,
Hemmung genannt, weil es verhindert, daß ein Aufzugsgewicht einfach
zu
Boden rasselt oder sich eine Aufzugsfeder abrupt entspannt. Ein
Unruhschwingsystem wird gehemmt, damit es sich nicht entspannt, sondern
in permanenter Unruh gleichmäßig schwingt.
Es gibt ganz unterschiedliche Hemmungen, habe ich mir sagen lassen.
Eine
weitverbreitete ist die sogenannte ruhende Hemmung; sie ist von der
Arbeit
befreit, das Räderwerk zurückdrehen zu müssen oder einen
einheitlichen Takt
zu schaffen. Das Schwingsystem ist in einem solchen Fall allerdings
nicht
arbeitslos wie ein Hartz IV-Empfänger. Auch ist es dem Schwingsystem
nicht
freigestellt, einer kreativen, schöpferischen und selbstbestimmten
Tätigkeit
nachzugehen, gleichsam »frei« zu schwingen. Es muß
vielmehr die
Ruhereibung, die durch den Kontakt des Gangreglers mit dem Räderwerk
entsteht, überwinden. Mit anderen Worten, das Schwingsystem ruht,
um sich
zu regenerieren.
Unruheschwingsysteme mit ruhenden Hemmungen sollen die besten
Gangergebnisse zeigen. Diese ergeben sich insofern, als der Hemmradzahn
weit genug auf Ruhe fällt, jedenfalls nicht zu viel und nicht zu
wenig.
Äußerliche Faktoren, wie etwa Aufstellbedingungen, sind maßgeblich
entscheidend. Ist das Schwingsystem häufig irgendwelchen Erschütterungen
ausgesetzt, bedarf es mehr Ruhe an der Hemmung, damit das
Unruheschwingsystem sicher und präzise tickt. Erschütterungen
sind jedoch –
darauf ist hinzuweisen – nicht gleichzusetzen mit äußerlichen
notwendigen
Antrieben.
Dann gibt es noch sogenannte rückführende Hemmungen, die das
Schwingsystem in einen Ergänzungsbogen treiben, in dem das Räderwerk
gegen seinen Willen zurückgedreht wird. Schwingsysteme sind von
Natur aus
faul. Ohne äußeren Impuls – etwa einen Schubs –
machen sie nichts. Und ein
Recht auf Faulheit wird ihnen nicht zugestanden. Ein Tag hat 24 Stunden,
die
Stunde besitzt 60 Minuten, und eine Minute hat 60 Sekunden; jede einzelne
dieser Sekunden muß ein Unruheschwingsystem im Takt ticken.
So verhielt es sich jedenfalls bei mir. Meine etwas absonderliche Verwandlung
endete erst, als auf dem Markt eine vollautomatisierte Spargelstechmaschine
zu so günstigen Preisen angeboten wurde, daß an der deutsch-polnischen
Grenze Spargelstecher nicht mehr gebraucht wurden.
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