Flynt:
Das ist keine Familie. Für andere Fälle, die keine Sozialhilfe
beziehen,
kommen wir nicht auf.
Fall H: Und sagen Sie mir noch, wo ich meine dreckige Wäsche
waschen soll?
Flynt: In der Öffentlichkeit. Dafür gibt es Waschsalons.
Fall H: Und gibt es dafür eine zusätzliche Zuwendung?
Flynt: Nein.
Fall H: Ich werde auf schriftlichem Wege dagegen Widerspruch einlegen.
Frau Flynt zuckt etwas verlegen mit den Achseln. Dann hätten wir
das vorerst
geklärt. Sie bekommen demnächst eine Einladung von der "Hilfe
zur Arbeit".
Sie bekommen damit die Möglichkeit, einer ganz anderen Tätigkeit
nachzugehen.
Fall H: Und wenn ich das gar nicht will?
Flynt: Wird Ihre Sozialhilfe teilweise oder ganz gestrichen.
Fall H: Auf Wiedersehen.
Leicht gestreßt, als könnte sie schon wieder einen Minutenschlaf
vertragen,
erschrickt Frau Flynt bei dem Gedanken vor den Folgen eines solchen.
Sie
schließt den Aktendeckel und öffnet das nächste Aktenzeichen,
während die
unerbittliche Ampelanlage auf grün umschlägt und der nächste
von den auf
dem Flur wartenden Fällen das Zimmer betritt.
Es handelt es sich hier um einen Auszug aus einem umfangreicheren
Behördenspiel, in dem das Geschehen noch verschiedene Wendungen
erfährt:
Der Fall H verliebt sich in die Sachbearbeiterin Flynt und kann es gar
nicht oft
genug erwarten, von ihr zu einem Gespräch in die Amtsstube eingeladen
zu
werden. Damit dies oft genug geschieht, tut er alles, um von Frau Flynt
getadelt zu werden. Ihre Geduld gelangt zusehends an ein Ende, sie zeigt
ihm
erst die Kammer mit den Folterinstrumenten, sie zieht die Daumenschrauben
und spanischen Stiefel an.
»Ein schöner Arsch zum Draufhauen«, sagt sie und zieht
einen Stuhl heran.
Sie fällt vom Sie ins Du, was für den Fall H ein Indiz bedrohlich
gewordener
Taktlosigkeit ist. Sie heißt Stephanie. »Beuge Dich vor
und entspanne Deine
Hinterbacken«, befiehlt sie im strengen Ton und greift mit ihrer
Hand zu als
ginge es um ihr persönliches Eigentum.
Stephanie löst einen Rohrstock von der Wand. Der Fall H vergeht
vor Scham
und Lust, aber schon kurze Zeit später ist er wieder abgekühlt.
Er liegt auf
dem velvet underground der Amtskammer: nackt, verstriemt und hat sich
heiser geschrien.
Stephanie aber steht höhnend vor ihm und sagt Zeilen aus einem
Gedicht von
Wolf Wondratschek auf: »Ich bin wie ein Tiger, der im Käfig
seine Pranken
schlägt, / gehetzt vor staunenden Augen, von der Enge des Käfigs
erregt. /
Ich will mich nicht täuschen lassen.«1