Frau Flynt gibt in dieser konkreten Situation mit ihrer sparsamen Geste
allerdings noch einigem mehr Ausdruck, z.B. daß es für sie anstrengender
wäre, etwas zu sagen, daß sie gelangweilt und dennoch in ihrem
Gelangweiltsein beeindruckt ist ob der Nachvollziehbarkeit des vorgetragenen
Argumentes. Inwieweit das Argument eine tatsächliche Sachlage darstellt
oder als Ausrede verwendet wird, darüber im Zweifel zu sein, hat sie sich
nicht zu befinden. Sie hat grundsätzlich zu der Ausrede hinzutendieren und
bekundet anerkennend mit ihrem Nicken, daß sie eine solche Ausrede als
wenig plump im Vergleich zu von anderen Fällen vorgetragenen Ausreden
findet, ja und tatsächlich für kreativ ansieht; jedenfalls für derart geeignet,
den nächst höheren Level in diesem Behördenspiel zu erreichen, also den
nächsten Waffengang mit Schlagabtausch zu probieren.

Frau Flynt ist solches nicht bewußt, aber sie hat eine sachliche Intuition, die
auch wieder verschwindet, wenn sie den Aktendeckel schließt. Ein quasi
sachlicher Abwehrmechanismus ist wirksam, wenn sie das menschliche Leid,
das sich konkret hinter den Aktenzeichen verbirgt, zu sehr an sich heranläßt.

Die gesichtslos versachlichten Seelen der Armen, vor allem die der zusätzlich
sachlich Gequälten, geistern in der Schreibtischtäterin, die einen restlichen
Zug Menschliches in sich bewahrt hat, als ein sachlicher Alp umher, von dem
sie in ihrem von den Vorgesetzten verordneten Minutenschlaf zwischen zwei
aufgeschlagenen Aktendeckeln träumt. Dabei schlagen sich anfangs die
beiden Aktendeckel immer steiler in die Höhe, ziehen sich quasi wie eine
Wand nach allen Seiten hin auf und lassen ihr Gesicht zurück.

Frau Flynt hockt auf dem kalten Behördenboden wie in einem fensterlosen
Gefängnis ohne Ausblick. Die wild durcheinandergeworfenen Aktenzeichen
dienen ihr als kleines Polster. Frau Flynt ist allein. Sie schreit auf, weil sie
glaubt, einen Aktenwurm auf sich zukommen zu sehen, der einmal außer
Papier etwas anderes zu fressen wünscht. Das aber ist eine optische
Täuschung.

In dem Aktenverlies kommt vielmehr eine Schar von Schnellordnern auf sie
zugezogen: eine Prozession aus all zu verdinglichten Fällen. Sie haben den
kleinen Zettel mit der Aufrufnummer auf der Stirn kleben. Fütterungszeit der
Schreibtischbestie. Die Prozession der Verdinglichten umkreist die blutleere
aber junge Sacharbeiterin. Jeder der Fälle nimmt seinen Zettel von der Stirn,
der Reihe nach, wie sie aufgerufen sind, stopfen sie der übereifernden
Sacharbeiterin das Maul...

Eine Musik ist zu hören, die den Raum allmählich einnimmt. Die Prozession
aus den all zu verdinglichten Fällen tanzt im Reigen um die Sacharbeiterin
und singt das Folgende... (Musik: Everybody's gotta learn sometime)

Für gewöhnlich reicht ein Minutenschlaf nicht für längere Alpträume, so daß
Frau Flynt immer wieder an dieser Stelle abrupt durch die Ampelschaltanlage,
die mit einem sanften Getöse von rot auf grün umspringt, aus dem Schlaf
gerissen wird. Sacht hebt sie das Gesicht aus den Akten hervor und wischt
sich flüchtig mit dem linken Handrücken den kalten Schweiß von der Stirn,
während der Fall H, der ihr etwas Kopfschmerzen bereitet hat und in dessen
Erledigung die für den Minutenschlaf vorgesehene kurze Pause gefallen war,
ohne Klopfzeichen in das Zimmer zurückkommt.

Leseprobe aus: MIDNIGHTRADIO II
vom 30. September 2006, von Marcus Hawel
 
 
 
 
 
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