Minutenschlaf
und Waffengang
Auszug aus einem Behördenspiel
Auf dem Flur der Behörde gehen Türen auf und werden zugeschlagen.
Sacharbeiter tragen gestapelte Aktenordner durch den Flur und verschwinden
in anderen Zimmern. Im Flur warten Fälle auf ihre Bearbeitung.
Sie schlagen
in Schlangen die Zeit tot. In den Zimmern erledigen dagegen die Sacharbeiter
die Fälle. So herrscht insgesamt die feindliche Atmosphäre
eines
Häuserkampfes mit entgegengesetztem Schlagabtausch zwischen Zimmern
und Flur. Ampelanlagen stellen den sanften Waffengang mit sachlicher
Tötung
sicher.
Frau Flynt ist eine für die Fälle unmenschlich-halblebendige
Verbindungsmasse zum deutschen Sozialstaat, noch jung, d.h. in etwa
so alt
wie Fall H; daraus leitet sich ihr Übereifer ab. Die Unsicherheit
steht Frau
Flynt ins Gesicht geschrieben, da der Fall H sich außerordentlich
verhält. Aber
wie sollte Frau Flynt schon mit dem Fall H, Akademiker und seit einem
Jahr
Sozialhilfeempfänger, umgehen? Zu erwarten ist ebenso die Gewandtheit
des
Akademikers wie die Demut des von der Behörde in seiner Würde
angetasteten Sozialhilfeempfängers. Auf der anderen Seite ist die
Überheblichkeit und Gewißheit der Sacharbeiterin, es mit
weniger Bildung zu
mehr materiellem und sozialem Status gebracht zu haben. Gegen
Sadomasochismus wächst auf den Fluren und in den Zimmern der Behörde
kein Kraut.
Flynt: Es ist mein Recht, von Ihnen den Nachweis der Antworten der
Firmen,
bei denen Sie sich beworben haben, zu verlangen.
Fall H: Ich habe auch keineswegs dieses Recht in Frage gestellt,
sondern mich
über den Ton beschwert.
Flynt: Nach einem Jahr mit jeweils 15 monatlichen Bewerbungen müßte
doch
irgendwann einmal etwas herauskommen. Deshalb ist es völlig normal,
jetzt
den Nachweis zu verlangen. Sie hatten angegeben, daß Sie bis September
des letzten Jahres auf ein Stipendium hoffen. Nun ist darüber hinaus
ein
halbes Jahr vergangen. Wahrscheinlich werden Sie mir nun wieder sagen,
daß
Sie auf ein Stipendium hoffen...
Fall H: Weil es der Wahrheit entspricht. Es ist nicht ganz so einfach,
unter
diesen Bedingungen zu promovieren.
Frau Flynt nickt zustimmend. Allerdings sind solche Gesten bei Sacharbeitern
keineswegs ein Indiz dafür, daß sie auch tatsächlich
Verständnis haben. Es
können auch unkontrollierte motorische Zuckungen sein, weil sich
hinter der
Charaktermaske manchmal der lebendige und menschliche Muskel gegen
seine allzu berufliche Deformierung zur Wehr setzt. Im allgemeinen bleibt
es
allerdings nur bei Zuckungen. Ausfälle kommen selten vor, und in
diesem Fall
werden Sacharbeiter einfach an eine andere Stelle versetzt, wo sie dem
Sozialstaat keinen Schaden mehr anrichten können.